MELCHIOR ohne was


Das bin ich.
Gänzlich ohne was.
Und das im Hintergrund ist Oberammergau.
Wo ich geboren wurde,
um als Urenkel eines katholischen
Priesters im "Pfaffenwinkel" aufzuwachsen.
Getauft im selben Jahr,
in dem Joseph Goebbels die Kunstkritik verbot,
die Mitgliedschaft in der HIITLERJUGEND/HJ und
dem BUND DEUTSCHER MÄDEL/BDM
zur gesetzlichen Pflicht wurde,
Heinrich Himmler zum obersten Polizeichef aufstieg
Franco mit deutscher Hilfe die spanische Republik niederputschte,
Thomas Mann ausgebürgert wurde der erkannt hatte das NS-Regime
mache das Volk zu "einem grenzenlos willfährigen, in blinde und fanatische Unwissenheit gebannten Kriegsinstrument"
und die NSDAP eben darum bei den
Reichstagswahlen 99% der Stimmen bekam.
Alle die um mich waren,
haben von alldem nichts gewusst.
Darum bin ich allein auf dem Bild.
Nicht ganz allein...Wie, seither immer.
Und warum nun , anders als die Gleichaltrigen,
getauft als Goj auf einen hebräischen Vornamen ?
Der nichts anderes bedeutet als KÖNIG DES LICHTS ?
Die Knaben meiner Jahrgänge hießen stramm arisch
Siegfried oder Falk oder Horst.
Oder gleich Adolf. Mit diesem Vornamen
war ein Säugling automatisch Patenkind
des gleichnamigen A.Schicklgruber.

Woher also der
KÖNIG DES LICHTS ?
Das ist eine lange Geschichte,
gut 2000 Jahre lang.
Und sie reicht noch viel weiter zurück
in sich verknäuelnde Mythologien,
die in der Bibel
( Matthäus 2, 1-12 )
alle weggeschnitten sind.

Ich trage an
diesem Namen
ein langes Leben lang.
Es blieb mir nichts anderes übrig,
als alles, was
ich, die Altertumsforscher
und die Gottesgelehrten
darüber NICHT in Erfahrung gebracht haben
in etwas Selbstmythisiertes, einen Roman zu gießen -
MEIN KÖNIG DES LICHTS
den man unter
>MELCHIORS BÜCHER
lesen kann.
Als ich meinen Vater das letzte Mal sah,
mit fünf Jahren, lag ich seit Wochen auf der Isolierstation.
Er stand draußen im Freien hinter einer über mannshohen
Scheibe , ein blonder Jüngling von 29 Jahren
in einem braun karierten Knickerbockeranzug und versuchte
mir mit Gesten etwas mitzuteilen, was ich nicht verstand.
Nach einer langen stummen Weile ging er fort,
fort aus meinem und aus seinem Leben.
Ich sehe ihn immer noch hinter der Scheibe.
Seine Gesten stehen hilflos in der Luft bis heute.
Am 9. Januar 1942 wandte sich Bertolt Brecht
über den Rundfunk mit diesem Gedicht an die
Deutschen Soldaten im Osten
Siebeneinhalb Monate später, am 21. August
wurde mein Vater Eduard Schedler
vor Leningrad für den Schicklgruber
von einer Granate zerrissen.
Warum habe ich den Rock
Des Mörders angezogen ?
Warum habe ich das Hemd
Des Mordbrenners angezogen ?
ich werde nicht mehr sehen
Das Land aus dem ich gekommen bin
Nicht die bayrischen Wälder
Noch das Gebirge im Süden
und ich werde unter der erde liegen
die ich zerstört habe



















Als ich acht Jahre alt war
befahl mir eines Abends meine Mutter,
mein Elternhaus zu verlassen und benannte mir ein
neuneinhalb Kilometer entferntes Dorf,
in dem ich Aufnahme finden würde.

In meinen Schultersack stopfte ich Wäsche und Socken,
und unter den Arm klemmte ich mir ein blechernes Unterseeboot ,
das ich grade von einer Tante geschenkt bekommen hatte.
Es konnte zwar nicht schwimmen in der Badewanne
und ging unter, aber nun war
es mein einziger Gefährte.

Das Grundstück war geräumig genug,
um darin vor meiner Mutter versteckt zu halten.
Es wuchsen reichlich Äpfel da, Birnen, Erbsen und Pflaumen.
Ich baute mir geheime Gehege, Kriechgänge, Bastionen in
den Eschen, wohl gerüstet mit Verteidigungswaffen : zugespitzten
Haselnusszweigen und Kieselsteinen. Ich stieß bei meinen
Schanzarbeiten auf Engerlingslarven, Sippen von Blindschleichen,
fortgeworfene Wehrmachtsrevolver, Dachse, und geheimnisvoll
raschelnde Schlangenhäute, die die Ringelnattern abgestreift hatten.
Hinten am Gartenzaun gab es einen Lehmhaufen, polnische Kriegsgefangene
hatten ihn aufgeworfen, als sie den Keller ausschachteten,
auf dem knetete ich mir Städte und Kanäle,
und überwölbte sie mit Brücken. Der nächste Regen wusch
meine Ninives, Uruks und Alhambras wieder fort.Ich knetete sie
wieder und wieder neu, und meine Finger spüren immer noch
den kalten schmiegsamen Lehm unter sich.
Und auch nackte Frauen modellierte ich, ganz wie der Kollege Jahwe,
begehrlich aus dem Lehm. Bemalte sie wollüstig mit
Fleischfarben und versteckte sie ( anders als Jahwe ) unter Laub.
Gegen Osten hin
war meine Kindheitswildnis
ohne Begrenzung,
sie wucherte
hinüber in
einen unermesslichen
verwilderten Park
mit mächtigen Buchen und
rätselhaften
verfallenden Gemäuern
wie der weißen Mauer,
die Gabriele Münter eben dort
gemalt hat.
Der vergessene Park hinter dieser Mauer
ist der wirkmächtigste Blasebalg der Fantasie
meiner Kindheit.
Dort stand mein Kummerbaum,
zu dem ich täglich rannte, den ich ich umarmte und dem ich
anvertraute was mir Schmerzliches widerfahren war.
Dort im Park konnte man Rehe und Hirsche füttern,
ihnen salzige Schlecksteine auslegen, und
an den endlos sich verästelnden Wegen
kniete weit abgeschieden das bucklige alte
Fräulein Zwa ( sie hieß wirklich so, und hatte Kartoffeln,
wenn wir keine mehr hatten ) und rackerte sich daran ab,
dass der Spitzwegerich nicht zu dreist wurde und
den Kies überwucherte, auf dem ohnehin niemand
mehr gehen wollte.
Ein rührend einsamer Kampf, denn alles
um Fräulein Zwa her ging gnadenlos in Urwald über
denn die Gemeindeoberen hatten Fräulein Zwas unnütze
Wildnis längst aufgegeben.
Aber In der Nacht sangen dort in zwei Teichen
voller Entengrütze stimmmächtige Froschchöre mir
in den Schlaf hinein und gegeneinander an wie in
einer Chor-Oper von Mussorgskij
( heute hört man keinen einzigen Quaker mehr ),
und ein steinerner Esel spielte Harfe
ohne dass ihm jemand zuhörte.
Ein eingewachsenes, stinkiges Hühnerhaus lehrte mich
das Fürchten, ebenso die Wut der besoffenen Dörfler,
die nächtens die holländischen Majolika-Kacheln des
Teehauses an den Froschteichen in Klump hauen mussten
weil sie des "Iwans" nicht Herr geworden waren.
Auf einer Anhöhe, still und ehrfurchtgebietend, standen
die Stelen von vier Herren, denen Moos auf den
Häuptern wucherte : Beethoven, Bach, Goethe
und Shakespeare.
Dessen SOMMERNACHTSTRAUM hier im Park
vor Zeiten aufgeführt worden sein sollte.
In jedem Gebüsch lauerte Puck auf mich, den 10jährigen,
bevor ich wusste, wer Puck war,
oder Titania, oder Zettel, in einen Esel verwandelt.
Der Harfe spielen musste, ohne dass ihm einer
zuhörte. Aber wenn ich mich nicht vorsah, wurde
ich selbst in einen Esel verwandelt oder in Frösche,
verbannt ins stickige Hühnerhaus .
DAS KINO
oder DER RISS IN DER FOLKLORE
Das einzige Mal, dass ich Tracht angehabt habe.
Für einen Foto-Termin ( natürlich barfuß ), zu dem ich geholt wurde
weil ich ein herziges Herzeige- und Aufsage-Burschi war
das bei Hochzeiten und Goldenen Priesterjubiläen,
in Krippenspielen
und in Wildererstücken auftreten musste.
Mit dem Trinkgeld,
das ich als Trachtenmodell einstrich,
rannte ich ( barfuß ) ins Kino zu
THE LOST WEEKEND
von Billy Wilder.
Ein finsteres Säufer- und Deliriumsdrama im
sommerglühenden New York.
Der Riss in der Folklore.

Die Leinwand hatte keinen Vorhang
und war unglaublich hoch oben.
Wie eine Schultafel. Meine Schultafel.
Auf ihr lernte ich von Humphrey Bogart,
Joel McCrea und Sabu ( damals noch nicht synchronisiert )
eine krause Art von Englisch,
entsetzte mich über den Glöckner von Notre Dame
des Charles Laughton, verliebte mich
nacheinander in
Ingrid Bergmann ( nicht ahnend, dass sie
Schuhgröße 45 hatte und doppelt so groß war wie ich )
und dann in Jean Simmons, mit der ich mir eine
Schiffsreise nach Hawaii ausfantasierte.
Und sogar in das gezeichnete Schneewittchen
von Walt Disney,
12jährig wie ich, und noch schier busenlos.
Aber nur mit Deanna Durbin,
ebenso 12jährig wie ich ( dabei war
sie seinerzeit schon 36 ) wurde ich
schamlos intim :
ich schnitt ihr Bild aus der fettkupfertiefgedruckten
Illustrierten Filmbühne aus und
versenkte es unter dem rissigen Stragula
unseres Wohnzimmers
samt einem Liebesbrief,
in dem ich sie beschwor,
niemandem unsere Entflammung zu verraten.
Nachdem man sich geküsst hat
( im amerikanischen Kino damals,
der Zensur wegen, nur aufs Kinn )
darf man DU zueinander sagen.

Eine Schule der Erotik fürs ganze Leben.
Ich habs bis heute beherzigt.
Kinn und Du.

Mit Errol Flynn als HERR DER SIEBEN MEERE
segelte ich aufs Meer hinaus,
Jahre bevor ich seiner ansichtig wurde und erfuhr,
dass meine geliebten Seeräuber­filme
in einem Planschbecken in Hollywood entstanden
waren und die dramatischen Wolken
nur gemalt und der Seegang
von muskelstarken Technikern erzeugt worden war.

Nach dem Kino,
trunken von den Bildern,
rannte ich in Trance zu einem Ahornbaum,
umarmte ihn und erzählte ihm
das Unfassliche, das ich eben gesehen hatte.

Unfasslich zu Recht, wie ich heute weiß,
denn ich hatte in den Jahren 1946 bis 1950
das Beste der westlichen Filmkunst
sehen dürfen.
Den Rückstau der braunen Jahre.

Eine Cinematèque wie die legendäre in Paris,
nur eben in einer verhockt braunen Kleinstadt.
Verdankt der US-Army,
die uns zudem noch
die Schulspeisung spendierte.

Noch immer, nach über 70 Jahren, drückt sich
die Historikerzunft um eine Darstellung der freigiebigen
Kulturpolitik der US-Army jener Jahre.
Der ich verdanke dass
ich nicht ebenso verhockt schwarzbraun geworden
bin wie die Gewussthabenichtse
um mich herum.
DIE BIBLIOTHEK
AUF RÄDERN


"Wir sind auch“,
hat Heinrich Böll geschrieben,
„durch die amerikanische Literatur
befreit worden“.

In der Kleinstadt,
in der ich aufgewachsen bin,
wollte sich offenbar
niemand befreien lassen,
denn ich war immer allein
in dem Bücherbus,
der alle vier Wochen
vom Münchner
Amerikahaus zu uns
heraus gefahren kam.

Und der Erkenntnisschätze
mitbrachte wie die
Bücher von Thomas Wolfe,
Eugene O’Neill ,
Hemingway, Faulkner ,
John Steinbeck , Thornton Wilder,
Carl Zuckmayer
und und...

Und dazu
die Parabeln und archaischen
Strichelfiguren
von James Thurber.
Das ist kein Pressack
und kein Schinken von Aldi.
Das ist Marmor.
Der Schicklgruber hat damit den linken seiner
einschüchternden Klotz- und Protzbauten
am Münchner Königsplatz auslegen lassen.

Als ich Student in München wurde,
teilten mir die pressackigen Marmorfliesen
Düfte mit, wie ich sie zuvor noch nie
erschnuppert hatte, denn sie waren
reichlich gewienert mit neumodischem
überseeischem Bohnerwachs -

die US-Militärregierung hatte
hier ihr AMERIKAHAUS samt Bibliothek
eingerichtet.

Ich war bis dahin aufgewachsen mit dem
griesgrämig-vorwurfsvollen Gemuffel von
Fichtenholzböden, die mit Öl getränkt wurden.

Und nun duftete es unter meinen Füßen
wie ein Pfingstmorgen in den Südstaaten ,
wie er in den Romanen
meines damaligen Abgottes Thomas Wolfe
beschworen wurde.

Die Fortsetzung und Ausweitung des Bücherbusses
meiner Kleinstadt.
Angereichert mit der Entdeckung
W.H.Audens, Saroyans,
Eugene O'Neills
und T.S. Eliots.


Und immer noch
und schon wieder
den Parabeln und archaischen
Strichmännchen von James Thurber :
Humanität & Humanismus
ungelenk zu Papier gebracht,
aber schroff und brüsk
wie Höhlenzeichnungen.
Und nun auch Tucholsky
und Dos Passos und Kafka,
der mich zwang Seite nach Seite
bei ihm zu exzerpieren .
Eine Technik, die heute unbekannt ist, und
schlicht abschreiben bedeutet.
Abschreiben Buchstabe für Buchstabe, ohne ihn
zu fassen zu kriegen.
Als ob seine Sätze vor mir weg liefen und mich
ins immer Bodenlosere führten.
( Heute, da ich ihn nicht mehr abschreiben muss,
hat sich daran nichts geändert ).

Dazu die Emigranten
Georg Kaiser, Robert Neumann und
Walter Mehring, den man nie wirklich aus der Vertreibung
zurück geholt hat bis heute,
der nie die vielen Leser fand,
die ihm zugestanden hätten.
Dreimal mehr als Benn, George, Carossa
und Bergengruen zusammen -
"Man wird es uns nie verzeihen, dass wir uns nicht haben erschlagen
oder ein bisschen vergasen lassen."

Und bei Walt Whitman
fand ich in den Regalen des
Amerikahauses den Vers
Einmal völlig geknechtet/
wird ein Volk niemals wieder frei


der so eng grenzt an Golo Manns
"Wer die dreißiger und vierziger
Jahre als Deutscher durchlebt hat
der kann seiner
Nation nie mehr völlig trauen.
Der wird, so sehr er sich auch Mühe
geben mag und soll,
in tiefster Seele traurig bleiben, bis er stirbt.“




Bis er stirbt.