MELCHIORs Theater
Dieser Geselle hier
wurde mein Kumpan anno 1976.
Das Teufelchen des Hans Sebald Beham (1500-1550, eines Widerborsts,
aus seiner Heimatstadt Nürnberg ausgewiesen )
mit der Leimrute auf der Pirsch, um Dummbeutel zu fangen -
sie eben, wie der Volksmund sagt, zu leimen.
Gläubige und Ungläubige, Engel und ( wie's grade kommt ) auch seinesgleichen.
Ich habe ihn zum Maskottchen meines ersten Theaterstückes
ernannt -
LAZARILLO oder WIE MAN KAISER WIRD
das im Jahrhundert des Sebald Beham spielt.
Es spinnt ein paar Motive aus der ( allerersten ) Schelmen-Erzählung
vom Lazarillo de Tormes von 1540 weiter zu einer rundum
eigenen Geschichte. Uraufgeführt im Theater am Turm Frankfurt / TAT.
Hier leimt Lazarillo grade eine Kirchgängerin : sie wird in drei Tagen
an der Schwarzpestilenzwassersucht eingehen, wenn sie keinen
Bakschisch herausrückt.Rechts hinten der Blinde, der Lazarillo seiner
Mutter abgekauft hat,um ihm die Kunst des Bettelns bei zu bringen.
Marian Gräns als Lazarillo
in der Stockholmer Inszenierung 1977.
It is our theatres biggest smash hit schrieb mir
die Regisseurin Suzanne Osten,
Prinzipalin des Unga Klara / Stadttheater Stockholm :
I think we have managed
to make an historical play as
it should be played in our days.
Lazarillo liives in a feudal,
hierarchical world which whe can't change.
He acts accordingly, but he communicates
vitality and life to the audience,
which wie think they recognize as
their own possibilities.
1978 wurde die Inszenierung von Suzanne Osten
zum Theater der Nationen nach Caracas/Venezuela
eingeladen.Die skandinavischen Theater liebten den LAZARILLO,die deutschen weniger.
Ein Blick in die Geschichte, nicht nur von der Bühne herab,
ist hierzulande allemal verdrießlich, auch wenns ums ferne 16.Jahrhundert geht.
Der deutsche Blick zurück reicht allenfalls bis "bis zur Währung",
und die war 1948. Neuerdings nur noch bis zum Mauerfall 1989.
Die mehrfach Geleimten und Umgeleimten, neu Zusammengeleimten
haben gelernt, am besten in die Historie überhaupt nicht mehr hinein
zu fragen. Sei's 20. oder 18. Jahrhundert oder welches auch immer.
Die Skandinavier sind da mit sich im Reinen und spielten mein Stück
aus dem 16.Jahrhundert gerne nach.
Hier ist Lazarillo selbst geleimt : er hat den Teufel
( einen wie von Sebald Beham ) für einen Ablasskrämer
gespielt und merkt nun, dass der verabredete
Sache gemacht hat mit einem Invaliden aus den
Eroberungskriegen in der Neuen Welt, der einen
erbeuteten Indianer als Jahrmarkts-Attraktion hinter
sich her zerrt.
Heidelberg 1999
Der Nucleus & Keim
des Theatermenschen in mir
waren die Passionsspiele in Oberammergau,
in das ich
ungefragt hinein geboren wurde.
Mein Pate Melchior Breitsamter, Sägewerksbesitzer

und Pilatus-Darsteller, 1945 von den Amerikanern ( weil er ausnahmsweise kein Nazi war ) als Spielleiter eingesetzt, zeigte mir als Zehnjährigem im Fundus des Passionsspielhauses die Kostüme der Hohenpriester, der Engel und die römischen Rüstungen, die Palmwedel, die hölzernen Felsen, das gemalte Jerusalem und die kolossale Weintraube, gut achtmal größer als ich selbst
die die Israeliten aus
dem Lande Kanaan herbeigeschleppt hatten. In meinem zehnjährigen Kopf setzte sich ein Spektakel zusammen aus Aposteln, Palmwedeln, Römern, Engeln und schwellenden Weintrauben , schwoll weiter in meinem fantasie-anfälligen zehnjährigen Kopf, in dem sich schon Ingrid Bergmann und Hollywoods Seeräuber tummelten, und geriet zu einer einzigen Mis-en-scène.
Theatertheatertheater ! So geriet ich in einen Mahlstrom, der davonstrudelte zum Theater als Beruf.

Das originale Oberammergauer Bühnenweihfestspiel, das ich dann vier Jahre später sah, konnte da nicht mehr mithalten. Durch den Jagd-Feldstecher meines Großvaters inspizierte ich nur noch die Thalysia-Vorderseiten der Frauen,die bei den Lebenden Bildern minutenlang reglos verharren mussten.

Allein für mich, den Pubertierenden.
Erst 22 Jahre und schon Ausstattungsleiter.
Am Nordmark-Landestheater Schleswig.
Das BUVEURS über mir, zu deutsch Säufer, bezieht sich
freilich nur auf einen einzigen : meinen ersten Intendanten.
Der war "besessen" vom Theater, bei ausgeschalteter Ratio,
wie die allermeisten Theaterer seinerzeit.
Und hielt es mit dem Dröhn- und Schnauftheater.
Dem deklamatorisch-statuenartigen Herumgestehe.
Den spuckigen „Aaaaauuuuuusbrüchen“. Dem schwitzigen HAAAA !!!
Und dem immerwährenden
KÄÄÄÄÄMPPPPPFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFFNNN !!!!!!!
Er war im Musikzug der SA Weimar gewesen und fühlte sich noch immer im Kampfgetümmel.
Vor allem dem gegen uns Anfänger.Darauf noch
fünf Pils und sechs, nein sieben, nein neun Bommerlunder !
Eben der selbe Dröhner aber wurde zum bibbernden Vierjährigen,
wenn ich mich mit ihm stundenlang vor dem Bühneneingang des
Hamburger Schauspielhauses herum drücken musste in der
( nie erfüllten ) Hoffnung, Gustaf Gründgens, Strahlefürst des
damaligen deutschen Theaters, träte heraus und mein Intendant
dürfte noch einmal "Herr Staatsrat" zu ihm sagen.
Staatsrat war der Titel, den Hermann Göring
dem Strahle-Gründgens verliehen hatte.
"Man ist gewohnt,
in Schleswig
Entdeckungen zu machen :
dieses Mal
fiel ein junger Bühnenbildner auf -
Melchior Schedler,
eine Begabung von Rang und Eigenart."

DIE KULTUR, München 1958
Zwei Uraufführungen, von mir jungem Dachs
ausgestattet : Franz Theodor Czokors HEBT DEN STEIN AB
und
Gerhart Hauptmanns FINSTERNISSE
Meine finster expressionistische Phase.
Das Fach der Salondame besetzte die Nichte
von Emmy Göring, tiefinnerlichst astrologiegläubig.
Das auch hat mich seither tiefinnerlichst geprägt -
dagegen. Finsternisse eben.
Ich floh
vor den Bommerlundern
und dem SA-Gebrüll und fand mich
in Südamerika wieder.

Da spielten wir
fürs Goethe-Institut in Chile, Peru,
Bolivien, Mexico, Ecuador, Venezuela
und anderswo "Das kleine Hofkonzert", "Jedermann" und
den "Biberpelz". Biedermeierlicher Stadttheater-Grießbrei

für einen Subkontinent, auf dem gerade Che Guevara
und Fidel Castro ganz andere Dramen
zu inszenieren begannen.

In unserem Ensemble der Sohn von Hitlers Leibarzt,
der die Vergasungstechnik erfunden hatte.
Zuerst für die Behinderten und später für die KZs.
In der Bibliothek des Botschafters der Bundesrepublik
in Santiago/Chile fand ich
hinten in der zweiten Reihe MEIN KAMPF.
"Jaja," lachte die Gattin des Botschafters, "wir halten die
alten Bücher immer noch in Ehren."

Finsternisse eben.



Selbstporträt 1962

Wenn ein Theaterlaie einmal an den Bühnenbildner gerät, wird er fragen : „Und wann spielen denn nun auch mal Sie eine schöne Rolle ?“ Der Bühnenbildner, sowieso ohne Sprechausbildung, wird verdattert stammeln : “Aber ich entwerfe doch schon die Bühnenbilder ! „

Der Laie ( mancherorts kann er auch Kritiker sein ) darauf hilflos : “Ach so, Sie machen die Rewisiten !“
“Sie meinen die Requisiten, mein Herr – aber nein, ich bin für die Szenerie da.“ Und glücklich strahlt der Theaterlaie :
“Ach, Sie sind der Kulissenmaler !“ Der Bühnenbildner wird nicht mehr verlangen, ist er doch besser dran als der
Regisseur, von dessen tatsächlicher Arbeit kaum jemand eine Vorstellung hat. Geht man doch ins Theater, um 1. Schauspieler zu sehen, 2. Schauspieler zu sehen, 3. Schauspieler zu sehen.
Der Bühnenbildner Melchior Schedler, entwarf fürs Teatro Aleman in Santiago de Chile im Erdbebenjahr 1960 Szenerien, die sowohl im tiefen Süden Chiles als auch in Mexico City aufgestellt wurden.
Macht sich nichts aus Jazz, Fußball, Bier, kann nicht ausstehen Blockflöten, unkritisches Publikum, Lale Andersen, Eisbein mit Sauerkraut, den Fachjargon der Schauspieler, begeistert sich für Paprika, politische Satire, die Poeten Neruda, Alberti, Lorca, Weißwein, Häfen, den Zeichner Saul Steinberg und für die Gedichte von Erich Fried.

Gerät völlig aus dem Häuschen über einen großen Theaterabend – aber das ist selten.
1968
Die Schneidersfrau
legt ein Ei
und daraus schlüpft ein Uhu,
der hinaus in die Welt muss,
weil ihn im heimischen Dorf niemand will
( wie meinen Großvater, den Pfaffenbankert,
den im heimischen Dorf
auch niemand wollte ).

DER SCHUHU UND DIE FLIEGENDE PRINZESSIN
von Peter Hacks las ich 1964 in Sinn und Form, der Literaturzeitschrift der DDR, mit heißen Ohren. Ein Kunstmärchen. Grimms Volksmärchen waren mir als Kind schon erziehliche Bratäpfel. Und völkische obendrein ( was man bis heute noch immer besser nicht ausspricht. ) Aber hier bei Hacks, selbdritt etwa zwischen Ludwig Tieck und Oscar Wilde, hatte einer auch die Historie im Sinn. Einer, der sich aus Adenauers Restauratorium hinüber in den Arbeiter- und Bauernstaat verabschiedet hatte. Mein Mann ?
1967 wurde ich geholt,
um für die westdeutsche Erstaufführung des SCHUHU
in den Münchner Kammerspielen
Bühnenbild und Kostüme zu entwerfen.Die Abgründigkeiten und Ironismen des hoch artifiziellen Textes auszuloten, die historisch(-dialektischen ! ) Querverweise auszukosten geriet mir zur
Leidenschaft, Ich wurde darüber zum Dramaturgen.
und schrieb das ganze Programmheft voll.
Hierauf Audienz beim Dichter Peter Hacks höchstpersönlich.
Prenzlauer Berg/ Berlin Ost.
Bestellte mich auf Punkt 19 Uhr in seine mit
Antiquitäten vollgestapelten Räumlichkeiten und ließ
den Klassenfeind dann eine Stunde lang warten, weil er
erst noch mit der Gattin zu tafeln hatte.
Eingekrampfter Süffisanzler. Barockschrank-Zyniker.
Gutsherren-Leninist, den auf seinem Landsitz der Gärtner nicht
ansprechen durfte. Mit 1 Wort : Muttersöhnchen.

Wenigstens dieses Baumuster
ist mir selbst erspart geblieben :
meine Mutter hat mich zuverlässig gehasst.

Aber tuts
dem silbergeschmiedeten
Kunstmärchen SCHUHU
Abbruch ?
Die artifizielle Naivität
und die silberfeine Ironie,
der die eigene Ironie des Peter H., auf sich selbst
angewandt, bei weitem nicht gewachsen war,
vermittelt sich heute aus weitem Abstand
deutlicher als damals.
Der arme Hacks hat sich in
einen Kokon aus zierlicher Zweideutigkeit eingesponnen
und hinter einer Palisade aus Antiquitäten verschanzt
um der nach Lysol miefenden Wirklichkeit
des Ulbrichtschen Laubenpieper-Imperiums zu entrinnen.


Wo er zwar Hofdichter,
in dem die eigentliche Dichter-Hauptstadt
aber Bitterfeld war.
Nachspiel : Gustl Bayrhammer als Bürgermeister.
Als er kurz drauf der erste ( Münchner ) Kommissar Veigl im neuen TATORT wurde, nahm er meinen Vornamen MELCHIOR an - als Hommage an den Kostümbildner, der ihn so dicklich eingekleidet hatte,dass er sich zwischen seinen Auftritten auf die Treppe legen musste.
Links, als SCHUHU Heinz Schubert, später populär als EKEL ALFRED, dazwischen E.O.Fuhrmann, unvergesslich als Brechts Papst Barberini im LEBEN DES GALILEI vom BERLINER ENSEMBLE, von dem sie beide kamen.
1977
Drei Schauspieler an meinem Theater
hatten laut Normalvertrag solo das Anrecht auf je eine „Fach“-Rolle pro
Spielzeit. Diese drei hatten eigentlich gar kein Fach, drohten aber mit dem Arbeitsgericht, und ich , der Dramaturg, wühlte mich auf der Suche nach Rollen für die drei durch die Theater-Literatur von Aischylos bis zu F.X. Kroetz .
Vergebens. So beschloss ich in einer schlaflosen Nacht, für die drei selbst ein Stück zusammen zu kleben. Aus Comics, die ich am Kiosk kaufte. Aber wer sollte als Autor herhalten ?
So trat GEOFFREY ELEAZAR SMITH
ans Licht der Theater- und der Literaturgeschichte -
Seine Comics kennt die ganze Welt —
seinen Namen aber kennen nur wenige: Schicksal
wohl eines jeden Autors in diesem Genre. Sein Name tritt hinter seine Erfindungen
und verschwindet im „Kleingedruckten" des Impressums.
Den Namen des Geoffrey Eleazar Smith aber kann man gar nicht groß genug
schreiben. Ist er doch der Klas­siker, ja sogar der Schöpfer
des COMICS !


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Seine Comics kennt die ganze Welt — seinen Namen aber kennen nur wenige: Schicksal
wohl eines jeden Autors in diesem Genre. Den Namen des Geoffrey Eleazar Smith
aber sollte man ganz groß schreiben. Ist er doch der Klas­siker, ja sogar der eigentliche Schöpfer
des Comics. „Inkunabeln einer neuen Sprachform, welche das kommende Jahrtausend be­herrschen
wird"
nennt Roland Barthes die Comics, die Smith in den Jahren zwischen 1896 und 1917 in der
amerikanischen und später auch in der europäischen Presse erscheinen ließ. Aus acht seiner
insgesamt rund 4000 ( ! ) Stories fügte Smith 1913 die Szenenfolge TARELLA OR ADVENTURES
OF A YOUNG INNOCENT zusammen, die im New Yorker „Civic Theatre" erfolgreich uraufgeführt
wurde und seither auf der angelsächsischen Bühne heimisch geworden ist. 1922 wagte Leopold
Jessner in Berlin die deutsche Erstaufführung, nach der Alfred Kerr in seiner Rezension über
„die angelsächsische Engelhaftigkeit des Trivialen" sinnierte und Smith den „Dante der
Hintertreppe" nannte.


1878 geboren in Black Oakes/New Jersey als 6. Sohn des schottischen Einwanderers Barry
Eleazar Smith. „In meiner Familie waren die Legenden und Sagen der alten Skalden Schottlands
noch so leben­dig, als wären sie gestern zum erstenmal erzählt worden. Ich erin­nere mich, wie
wir fast jeden Abend in unserem kleinen Kramladen saßen und den Geschichten meines Vaters
lauschten. Durch das Dunkel zogen dann die schottischen Helden: der schreckliche
Sheag-lean-no-roddigogh, König Opheagn'n mit seinen 99 Rittern und der Drache
Mah'Nephogean-gh, der noch immer unbesiegt in der Tiefe der Felsenbucht von Reddaganh
haust. Aus dem Ur-Stoff dieser altschottischen Geschichten, die Smith von seinem Vater
hörte, sollte er später seine unsterblichen Comic-Stories brauen: den Zyk­lus um Arthur den
Eisernen, Barny den Bogenschützen und vor al­lem Prinz Eisenherz
.

1892 Geoffrey Smith trampt nach New York. Anfangs schlägt er sich als Pflastermaler
vor der Baptistenkirche in der 62. Straße durch, wird aber vom Reverend Oates verjagt:
„Der Junge hat eine gottesläster­liche Phantasie, Gott der Herr möge ihm die Kreide naß
werden lassen!". Danach jobbt er als Liftboy, Zeitungsverkäufer, Aufseher im türkischen Bad,
Gehilfe in einer Sargtischlerei. Eine Episode als Schlepper für ein Spezialitäten-Bordell in
siamesischem Stil wird zwar von seinen Gegnern hartnäckig behauptet, ist aber nicht verbürgt.

1894 Erste eigene Stories, die er — handgeschrieben — für 12 cents pro Stück an die
Schüler einer Sonntagsschule an New Yorks Lower East Side verkauft. Smith wird von
einem Agenten der Western Electric Inc., hinter der Thomas A. Edison steht, angeworben.
Mit Edisons Agenten, einem gewissen Tomczyk, tritt er die Reise in den Westen an.
„Erst hinter Detroit verriet mir dieser Gentleman, was er eigentlich von mir wollte. Da aber
war es bereits zu spät, aus dem Pullman-Luxuswagen der I. Privat-Klasse zu springen".
Die tiefen Narben des Tomczyk-Erlebnisses sollten in allen späteren Helden Smith',
denen man eine ,allzu pfadfinderhaft enthaltsame Haltung gegen­über Frauen' ankreidete,
spürbar bleiben. Am Ziel der Reise, in Kalifornien, lernt Smith Thomas A. Edison persönlich
kennen, der in der abgeschiedenen Savanne in einem streng bewachten Labor mit der laufenden
Fotografie experimentierte. „Die Phantasie des alten Herrn war leider rein technisch. Es
fiel ihm nichts besseres ein, als seine kostbaren Filme mit Radfahrern und Windmühlen
zu belichten. Ich erfand ihm aus dem Hut ein paar spannende Szenen, die ich sofort mit
einem Dutzend Arbeitsloser aus Beverly Hills und einigen Indianern aus den umliegenden
Reservaten in Szene setzte. Der Alte war aus dem Häuschen, und seine Geldgeber
versprachen nicht nur, seine verrückte Erfindung zum Patent anzumelden, son­dern
wollten auch unbedingt die Fortsetzung meiner Szenen sehen. So erfand ich auf einmal
den Spielfilm, den Western und die Serie".

1896 Smith schreibt für den „San Francisco Weekly Dispatch" (Ausgabe vom 12. Februar)
seine erste Bildergeschichte, die ein stellungsloser Landschaftsmaler namens Frank O. Burger
schlecht und recht illu­striert. Thomas A. Edison findet die rührselige Story seines Assistenten
Smith „very comical" und schafft damit — ohne es zu ahnen — den Namen für eine neue
Gattung: den Comic. Smith kassiert für sein Opus eins 4 Dollar 43 cents. Im fernen New York
aber wird der aufstrebende Pressezar Randolph Hearst I. auf den Geschichtenerfinder von
der Westküste aufmerksam und äußert:„Wenn wir diesen Vulkan nicht an die Ostküste
verpflanzen, kann unsere Presse hier einpacken". Er heuert Smith für 300 Dollar wöchentlich
an mit der Auflage, im „New York Journal" wöchentlich eine Comic-Story zu veröffentlichen.
So entstehen die „Katzenjam­mer Kids", die Smith unter dem Pseudonym Rudolph Dirks
erscheinen läßt.

1897 Smith erfindet am 4. Februar die Spruchblase: „Bis zu diesem Tage hatte ich dauernd
das Problem, wo ich hintun sollte, was meine Figuren sagen. Da ging ich an einem eiskalten
Morgen an McBrides Coffeehouse vorbei: dichter Dampf quoll den Gästen McBrides aus dem
Mund und blieb sekundenlang in der frostigen Luft stehen, während sie eifrig aufeinander
einredeten. Geoffrey, sprach ich zu mir: das ist es ! Beschrifte die Dampfwolken, und du
hast deine Dialoge untergebracht! Gesagt, getan — und im nächsten 'New York Journal'
hatten meine Helden alle die Dampfwolken von McBrides Coffeehouse vor dem Maul.
Die Spruchblase trat ihren Siegeszug an!"

1898 Smith verliebt sich in seine 15jährige Cousine Virginia McKenna. Als Tatarella
findet sie Eingang in seine Geschichten. Allein bis zur Jahrhundertwende widmet er ihr
1328 Comic-Stories. Seine Liebe indes bleibt unerwidert: 1901 ehelicht Virginia den
Wollwaren-Großhändler Ambrose Brown jun. Eleazar Smith, der selbst unverehelicht blieb,
adoptierte 1906 Virginias 3. Sohn, Gordon Curtius. Virginia wurde durch insgesamt 12 Geburten
dick und unansehnlich. Ihr Urbild aber lebt fort nicht nur in Tatarella, sondern auch in deren
Nachschöp­fungen Barbarella, Phoebe Zeit Geist, Sweet Gwendoline und Bianca Torturata
  • bis in unsere Zeit ein bleibendes Denkmal für Virginia McKenna !


1899 Begegnung mit Karl May anlässlich dessen erster Amerika-Reise. „Er ließ mich in
New York ins Hotel kommen. Er machte mir den Eindruck eines schwindsüchtigen
Kantors, und ich erzählte ihm ein paar Geschichten, um ihm seine letzten Tage etwas
aufzuheitern. Erst hinterher erfuhr ich, daß er Schriftsteller war und meine Stories unter
dem Titel ,Old Surehand', ,Der Schatz im Silbersee' und ,Winnetou' als eigene Werke
erscheinen ließ. Ich war vielleicht sauer!"

1901 Smith überwirft sich mit Hearst, der inzwischen 67 Zeitungen an der Ost- und
Westküste mit Smith' Comics beliefert, aber nur je­weils 4 ( ! ) mit ihm abrechnet. Smith tut
sich mit dem jungen irischen Einwanderer Lawrence Arthur King zusammen („Durch Larry,
der mitten aus den Klassenkämpfen in Manchester kam, erfuhr ich zum erstenmal,
was Sozialismus ist") und gründet das King Featu­res Syndicate, in dem Smith, King,
die Zeichner und Vertriebsspe­zialisten auf genossenschaftlicher Basis zusammenarbeiten.
„Unsere ersten sechs eigenen Strips schickten wir an die Sozialistische Inter­nationale
mit der Widmung: ,Eine Frucht sozialistischer Arbeit aus dem kapitalistischen New York!"
Wir bekamen unsere Strips post­wendend zurück. Jemand hatte mit Bleistift auf den
Umschlag geschrieben: „'Verbitten uns die Zusendung Ihrer bourgeoisen Wider­wärtigkeiten!'
Larry war ziemlich geknickt, und ich mußte ihn trösten: „Vielleicht lernen die Marxisten doch
noch eines Tages, daß Comics die Sprache der Zukunft sind!".

1903 Smith engagiert den jungen Lionel Feininger („Leider ging er später nach Deutschland,
wurde dort angesteckt und malte Ölbilder, die nur von deutschen Intellektuellen gelobt
wurden. Damit war er für den Comic verloren") und Winsor McCay als Zeichner. Für McCay
erfindet er die surrealistischen Träume von „Little Nemo", die bekanntlich Sigmund Freud
in seinem Buch „Traumdeutung" stark beinflußten.

1904 Smith trennt sich von King: „Dieser ehemalige Sozialist hat mich ärger betrogen als
sogar der kapitalistische Geier Hearst ! Er ließ alle meine Figuren auf seinen Namen patentieren
und wurde fett durch den Verkauf von Lizenzen an die Industrie. Nun gab es Pfeifen, die
aussahen wie mein Prinz Eisenherz und Handtuchhalter, die die süßen Formen meiner Tatarella
aufwiesen ! Und ich hatte das Nachsehen, während Mr. King kassierte."

1906 Um King zu übervorteilen, der die bisherigen Stories von Smith ausschlachtet, erfindet
Smith eine völlig neue Gattung: „Ich ver­legte meine Stories auf ferne Planeten und Mars-Raketen,
um Mr. King zu entgehen. Meine Haushälterin, Mrs. Grimes, wollte unbedingt, daß ich ihren
Schwiegersohn, einen eitlen Iren namens O'Connor, in diesen Geschichten auftreten
lasse. Da ich süchtig war auf Mrs.Grimes' köstlichen Plumpudding, tat ich ihr den Ge­fallen und
verwandte den schönen Iren als ,Armand den Galakti­schen'. Sie revanchierte sich und
nannte das neue Zeug ,Science Fiction'. Ich glaube aber nicht, daß sich so eine blöde
Bezeichnung durchsetzen wird".

1909 Das produktivste Jahr von Smith: stets gehetzt von Kings ständig wachsender
Crew und deren Kreationen, erfindet Smith „Blondie", „Tarzan", „Popeye" und „Krazy Cat",
die erste Tierfigur im Comic, von der Mickey Mouse, Donald Duck und Bug's Bunny direkt
abstammen. Im selben Jahr produziert er den ersten Zeichen­trickfilm und schreibt
Drehbücher für Harry Langdon und Ben Turpin. Zugleich konzipiert er mit 'The black trial'
den ersten Vampirfilm, den er - da Hollywood ihn wegen der militanten Frauenvereine
nicht zu realisieren wagt - an den dänischen Produ­zenten Urban Gad vergibt. Gad bringt
ihn unter dem Titel „Vampyren" erfolgreich mit seiner Frau Asta Nielsen heraus. Asta
Niel­sen wird Smith' enthusiastische Anhängerin und Propagandistin in Europa. „Sie
schrieb mir, daß sie in den Drehpausen meine Comics lese. Ich schrieb zurück: ,O.k.,
hoffentlich merkt man das auch noch hinterher im fertigen Film!' "

1911 Smith lernt Eugen O'Neill kennen. „Er zeigte mir seine Bibliothek von 4200
Bänden - mir, der ich lediglich zwei Bücher ganz gelesen habe: die Bibel und ,Harter's
Versandkatalog für den Hunde­freund', Ausgabe 1889. Hinterher verlor er vier Partien
Bridge ge­gen mich. Dabei soff er unentwegt Sherry, ließ mich aber mit Ginger Ale sitzen.
Da hatte ich endgültig von der hohen Literatur die Nase voll".

1913 Smith legt sein Vermögen in Aktien der „Ormond Food Company" an, deren
Präsident Horatio L. Ormond soeben ins Theatergeschäft am Broadway einsteigt.
„Ormond überredete mich zu dreierlei : 1. zum Genuß von Austern der ,Ormond Food Comp.',
die erst gar nicht durch meine schottische Kehle rutschen wollten; 2. dazu, aus den besten
acht meiner bislang 2900 Comics ein Theaterstück zu bauen. Ich erschrak und dachte
an O'Neill mit seinen protzigen 4200 Büchern: ich hatte nicht so viel, konnte also auch
keine Stücke produzieren. Ormond tröstete mich: ,Beruhigen Sie sich - das ein­zige Buch,
das ich besitze, ist mein Hauptbuch. Und dennoch habe ich dauernd Erfolg'. Das
überzeugte mich. Ich schrieb ihm das Stück in sechs Tagen. Sein 3. Vorschlag aber
ließ mir den Schweiß ausbrechen - ich sollte mich für die Theaterwerbung fotografieren
lassen ! Dabei hatte mir meine Großmutter Clivia Macintosh von Kindesbeinen an
eingeschärft: ,Wenn ein Schotte eine Photographie von sich machen läßt, hat er
höchstens noch drei Jahre zu le­ben!'." Bis heute hält sich deshalb hartnäckig das
Gerücht, das ein­zige Foto von Geoffrey E. Smith stelle gar nicht diesen, sondern
Mr. O'Connor, das Urbild des galaktischen Armand dar 3). Smith' Stück wird unter
dem Titel „Tatarella — Adventures of a young Innocent" erfolgreich am 3. 12. 1913
im New Yorker „Civic Theatre" uraufgeführt und bis heute in der gesamten
angelsächsischen Welt nachgespielt. Die Rolle des Quasimodo verkörperte ein
un­bekannter englischer Schauspieler, dessen Namen der Personenzet­tel mit
C. Spencer Chaplin angibt. . .

1915 Ein schüchterner Junge aus dem mittleren Westen bewirbt sich bei Smith
als Bürogehilfe. Sein Name: Freddy Garcia. „Ich sage: ,Mit so einem Namen fragt
dich jeder in New York, ob du nicht viel­leicht von der Mafia bist!" So erfand ich für
ihn einen neuen Namen: Walt Disney. Einundfünfzig Jahre später sollte der ein­stige
Freddy Garcia Smith in „Disneyland" ein monumentales Denkmal errichten: eine
dreißig Meter hohe Nachbildung der Fe­stung von Sattarshi Ghor, in deren bronzene
Tore eingraviert steht „Gewidmet dem ewigen Angedenken meines Lehrers Geoffrey
E. Smith, der der Klassiker des Comics war".

1917 Als die USA in den Krieg gegen das kaiserliche Deutschland eintre­ten, meldet
sich Smith freiwillig zur Armee: „Nicht aus Patriotismus, mir war einfach langweilig.
Außerdem hoffte ich, in Europa wür­den mir ein paar neue Stories einfallen". Sein
Eintritt in die Armee scheitert daran, daß er sich für den Wehrpaß fotografieren
lassen soll. So läßt er sich als Alleinunterhalter vom Fronttheater des VII. Expeditionskorps
der US-Infanterie engagieren: „Ich sang ihnen auf der Überfahrt die altschottischen
Balladen meiner Kindheit vor. Keine war kürzer als mindestens 60 Strophen. So
waren wir im Handumdrehen in Le Havre". An Bord ist auch Ernest Heming­way:
„Er führte 14 verschiedene Whisky Sorten mit sich. Ich bewun­derte ihn schrankenlos."
Nach einer durchzechten Nacht mit He­mingway in dem bretonischen Dorf Becherel
(Dpt. Ille-et-Villaine) werden beide morgens von einer Rinderherde überrannt.
Smith wird dabei tödlich verletzt. Hemingway, der Smith in seinem Roman
„In einem anderen Land" 1929 ein literarisches Denkmal setzte, schreibt darüber
an Gertrude Stein: „Er starb als echter Kelte: Malzbranntwein im Leib und Gesang
auf den Lippen".

1926 Walter Benjamin veröffentlicht einen Essay über Smith in der Frankfurter
„Zeitschrift für Sozialforschung" unter dem Titel „Vi­sion, Gewalt, Telos — Das Werk
des Mythenbildners Geoffrey E. S..", über den sogleich eine heftige Kontroverse mit
Gershom Schalem und Horkheimer entbrennt³). Benjamin zieht den Aufsatz zurück,
der erst 1968 von der Westberliner Zeitschrift „Alternative" (Nr. 59/60) wiederentdeckt wird
und die Rezeption Smith' durch die Neue Linke vorbereitet. Benjamin über Smith:
„Dem Telos glei­chermaßen wie einer vor-augustinischen Spiritualität verhaftet, trieb
er das Imago einer Welt ins Nichts seiner Epoche, in dem Signale des
Dahingeschwundenen mit den Fanfaren des Zukünftigen sich zu einer jederzeit
reproduzierbaren Syntax zusammenschlie­ßen".

1) Alle Zitate von Smith stammen aus G. E. Smith „My life, my dwarfs, my heroes",
ed. by L. Henry Harris, Wisconsin University Press 1924.
2) Vgl. hierzu Gordon C. Smith „My father's life — Falsehoods, legends, perceptions",
Ann Arbpr/Michigan 1963, p. 121—127.
3) Vgl. Rolf Tiedemann „Studien zur Philosophie Walter Benjamins", Frankfurt/M. 1965,
S. 237 f, S. 385 ff.

Außer der genannten Literatur sei dem Interessierten noch folgende Literatur emp­fohlen:
Alexander Kluge/Oskar Negt: „Der die Blasen füllte", in „Öffentlichkeit und Erfah­rung",
Frankfurt 1972, s. 297—319. Alfred Schmidt: ,,Metonymie und Sozietät - Das Werk des
Geoffrey E. Smith als soziales Medium", in: „Sprache im Technischen Zeitalter", 11/1974.
Für die freundliche Überlassung der Aufführungsfotos von 1913 danken wir Mr. Gor­don C. Smith,
Palm Springs/California, und dem New York Museum of Dramatic Arts.
Alle haben sie an meinen Geoffrey geglaubt, alle.
Die Frankfurter Allgemeine, die Frankfurter Rundschau, der Rundfunk, das Fernsehen.
Der WDR wollte sogar einen Rechercheur schicken, der das von mir ausgegrabene
Material über Geoffrey E.Smith sichten sollte, und mich als Wiederentdecker
abschöpfen. Und gebührend in Szene setzen.
Leider verkicherte ich mich vorzeitig am Telefon...
Schade für den armen Geoffrey Eleazar Smith
der darum noch immer auf
die ihm gebührende Würdigung wartet.
Obwohl doch kein Geringerer als
Claude Lévi-Strauss
mir beglaubigt hat
Eines Tages wird man erkennen,
dass ein
Geschichtenerzähler
mit dem unscheinbaren Smith es war,
der die Syntax
des 21. Jahrhunderts schuf“


.
MELCHIORs Siebenminutendramen








HERR UND HUND

"Möge er
nicht allzu hurtigen Schrittes ausschreiten ..."

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HERR UND HUND

Münchner Herzogpark,1918. Ein hochbeiniger distinguierter Herr
ergeht sich
am Isarufer mit einem hochbeinigen distinguierten Jagdhund.

HERR : ( zu seinem hochbeinigen Hund )
Möge er nicht allzu hurtigen Schrittes ausschreiten, Bauschan, wiewohl er
hierin bevorteiligt ist, da von Natur aus vierfüßig, wohingegen ich, hinter ihm her sssputend, dies
auf lediglich zwei Beinen zu bewerkstelligen habe, welche zudem von hinderlichen
Beinkleidern umfangen, mithin allzu hurtiger Gangart denkbar unangemessen sind.

( Ein anderer Herr, kurzbeinig und offensichtlich weniger distinguiert, prescht seinem
Rauhhaardackel hinterher. )

ANDERER : Kummst jetzt her Mistviech verreckts !

( Sie rennen davon, der Dackel voraus, der Kurzbeinige hinterher.)

HERR : Parbleu ! Eine Wortwahl,wie sie uns niemals über die Lippen käme.

( Der distinguierte hochbeinige Hund bieselt ungerührt an eine Eiche.)

HERR : Parbleu ! Immer und immer wieder dieser gewisse Akt, welcher mich jedes Mal aufs
Neue versssstört. Zwar bewundere ich, Bauschan, sein edles Mannestum, doch wie er
sein edles Glied so gänzlich entfremdet, um einen Baumssstamm zu nässen…er
gestattet, dass ich den Blick abwende.

( Der andere Herr kommt wieder geprescht. )

ANDERER : I schlag dirs Kreuz krumm, wannst net hergehst !

( Sein Rauhhaardackel schnüffelt aufgeregt herum, wo der edle hochbeinige Hund hin
gebieselt hat. )

ANDERER : Pfui !
HERR : Ich würde bei zwar gleichem Anlass meine Worte doch erheblich anders setzen.
ANDERER : Ha ?
HERR: Statt diesem, der Herr möge verzeihen, zutiefst vulgären „Pfui“ ziemte sich füglicher doch wohl ein Mahnruf
wie „Nicht wolle er dieses vor meinen Augen verüben!“
ANDERER : Ha ?

( Dies lässt den distinguierten Herrn nun doch aus der Contenance fallen : )

HERR: „Ha ! Ha !“ Immergleich repetieren Sie, humaner Rede offenbar unfähig, diese tierhafte Silbe.
ANDERER : Ha ?
HERR : Sie stellen,mit Verlaub, das Vulgärste vom Vulgären dar.
ANDERER : Ha ? Sie,wann Eahna fei was net passt, Sie langhaxerter Preiß Sie, in unserem Königreich
Bayern,nacher –
HERR: Er inkarniert geradezu den Niedergang der Epoche schlechthin in seiner inferioren kurzbeinigen
Troglodytengestalt.
ANDERER : Troglo…ha - ?
HERR : Ich vermute in ihm einen Bierkutscher allerniedrigster Kategorie.
ANDERER : Sie ! I gib Eahna glei an Bierkutscher ! I bin der König von Bayern.

( Der als Preiß beschimpfte Herr reißt sich den Hut vom Kopf : )

HERR: Oh, Majestät…
Der ANDERE, König Ludwig III. von Bayern : Ah, und aus is's und gar is’s mit der Majestät. Mei Königin
und i müassn davon, weil es herrscht Revolution in meiniger Hauptstadt, wo mir 600 Jahr lang
das Szepter geschwungen ham.
HERR : Der hiesige Volksstamm ist zu so etwas wie einer Revolution von seiner gesamten Natur
her gänzlich unbefähigt.
LUDWIG III. : Wann i Eahna sag ! Es steht bereits ein Maschinengwehr vor unserer Residenz und sei
Mündung is gerichtet ausgerechnet auf –
HERR : Den Thronsaal ?
LUDWIG III. : Auf das Schlafkammerl !
HERR : Von Majestät?.
LUDWIG III : Naa, auf des von unserm Dackel. Und mei Königin verlangt, dass i das Zamperl als allerersts
heiliges Gut in Sicherheit bring vor der Revolution.Weil, der Dachshund als solcherner, sagt sie, is
grad in seiner gschneckelten Kurzhaxigkeit ein Symbol für die Verwurzelung von uns 600jährige
Wittelsbacher in der bayrischen Heimaterde.

( In der Ferne sind Schüsse zu hören.)

LUDWIG III.: O mei o mei ! Und jetz - der Untergang des Abendlands.
HERR : Majestät wollen nicht in Affektation verfallen.Die Forstgehilfen Ihrer Majestät dezimieren
lediglich die Elstern im Englischen Garten.
LUDWIG III. : Woher wollnS denn des wissen, Sie siebengscheiter Preiss Sie?
HERR : Von der Reaktion meines Bauschan, welcher ein Diplom vorweisen kann als approbierter
Jagd- und Spürhund, notabene ausgestellt in Bad Tölz ! Wie Sie bemerkt haben werden, hat er
sich sogleich beim Erschallen der Schüsse in „Hab-Acht“-Stellung begeben.Und harrt nunmehr
auf das Kommando „Such-such-Vögelchen“.
LUDWIG III. : Was kann scho Verlass sei auf so an preissischen Wauwau, wo doch de Revolution aa
aus Berlin eigschleppt is !

( In der Ferne sind Schüsse zu hören. )

LUDWIG III.: O mei o mei…heilige Gottesmutter von Altötting…

( Der Andere, König Ludwig III. von Bayern, wirft sich platt auf den Boden und versucht unter
seinen Dackel zu kriechen. )

HERR: Wenn Majestät Zuflucht suchen, halte ich es für angebrachter, ich unter dem aufragenden
Geläuf meines Bauschan zu bergen, welches Ihrem – mit Verlaub – Leibesanfang weitaus mehr
Raum bietet.

( In der Ferne sind Schüsse zu hören.Ludwig III. gehorcht diesem Ratschlag und robbt unter den
hochbeinigen Hund des hochbeinigen Herrn. Allein : er langt zu spät dort an ! Denn dort befindet
sich bereits jemand – der Dackel ! Mit anderen Worten : Bauschan rammelt den Dachshund seiner
Majestät. )

LUDWIG III. : O mei o mei,heilige Muttergottes von Altötting steh mir bei.(Schluchzt.)

HERR: Aber so fallen Sie doch nicht ständig von einer Affektation in die nächste.
LUDWIG III. : Wia denn net ! Hinter mir die Revolution und vor mir die Unzucht !

( Der bedrängte Monarch flennt zum Gotterbarmen )

HERR : Wenn ich Majestät mein Taschentuch anbieten dürfte…
LUDWIG III. : Naa,i brauch koa Schneuztüachl mehr. Die Krone verliern is scho de reine Apokalypse,
aber dass unser reinrassiger Dackel jetz aa no entweiht wird von am fremdrassigen preißischen
Köter – des verwindet mei Königin in Ewigkeit nimmer. Bitter wird uns des Exil werden, bitter…
HERR: ( sein verschmähtes Taschentuch nun sich selbst ans Auge führend ) Oh wie ich dies
nachvollziehen kann !
LUDWIG III. : Am allerbittersten werds, wenn unser königlicher Dackel Bastarde wirft ..

( In der Ferne sind Schüsse zu hören. Der König zerrt seinen Dackel unter Bauschan hervor und
rennt kurzbeinig von hinnen und ins Exil. Der distinguierte Herr schnäuzt sich in das vom König
verschmähte Taschentuch. )

HERR: Bauschan, hab acht, auf ein Wort unter Männern. Bislang wollte es sich meinem Munde
nicht entringen, aber nun bricht es sich Bahn aus meinem tiefstem Innern : Pfui, pfui, pfui !

Da tut der Hund sein Maul auf und spricht : Ha ?

Und jetzt wissen wir endlich, warum Thomas Mann uns seine Begegnung mit der Abendröte der
Monarchie in seiner Erzählung HERR UND HUND verschwiegen und dafür lieber die
BETRACHTUNGEN EINES UNPOLITISCHEN geschrieben hat.


LUDWIG III. > PATRONA BAVARIAE NOVA unter MELCHIORs BILDER








DAS KAFFEEHAUS

" Ja da schau her,
der junge Herr Schicklgruber wieder amal.
Schlecht schaunS aus, gar schon marod..."

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DAS KAFFEEHAUS

Wien 1913.Der Kellner Ferdl fasst einen blassen jungen Menschen ins Auge,
welcher soeben eingetreten ist,eine Mappe unterm Arm.

FERDL: Ja da schau her,der junge Herr Schicklgruber wieder amal.Schlecht schaunS
aus,gar schon marod.Wieder nix g'essen die ganze Woch,was ? Scho wieda kaa
Geld,was ? ( Seufzer ) No,de Kunst,de Kunst...I hab Ihna eh gleich gwarnt :
schmeißenS Ihnen net à tout prix ausgrechnet auf de Malerei.Aber naa...der
typisch holzkopferte Provinzler.
( Nimmt die Mappe wahr. )
Was is des ? SagnS bloß,Sie ham trotzdem scho wieda was fabriziert,künstlerisch.
Naa...naa...des derf i net in Zahlung nehmen. Ein apodiktisches Nein ! Hat der Herr
Chef nachdrücklichst verfügt.Und zwar sagt er,wegen - sanS ma net bös - wegen
notorisch absenter Qualität.Jetzt stiernS net glei wiara zurniger Leichnam...vielleicht
lasst si ja bei de Gäst was arrangiern zu Ihrem Vorteil. KommenS mit,junger Mensch,
i muß eh grad serviern am Ecktisch.
( Schritte.)
HabedieEhre, der Herr Professor Schönberg.Da wär der Gumpoldskirchner,den was
der Herr Professor b’stellt ham.
SCHÖNBERG : ( trinkt ) Auf mein ganz besonderes Wohl,Ferdl.
FERDL : Und weiters,der Herr Professor,wär da noch -
SCHÖNBERG : Doch net scho die Rechnung ?
FERDL : A jungs Talent,in dem was der Wunsch rumort,vom Herrn Professor -
SCHÖNBERG : Ich höre.
FERDL : Ein Konterfei anfertigen zu dürfen,ergebenst.
SCHÖNBERG : Von mir - ? Damit stellt der Jüngling sein Ingenium unter Beweis.
FERDL : Kompliment,Herr Professor.
SCHÖNBERG : Ich bewillige jedoch ausschließlich Abbildung im Profil.
FERDL : Zu dienen,Profil.
SCHÖNBERG : Auf dass ich erscheine als Herrscher den antiken Münzen gleich.Attaca !
FERDL : ( flüstert ) No schaunS,Schicklgruber.Der Ferdl richts Ihnen.Raus mitm Stift.
( Schicklgruber zeichnet )
SCHÖNBERG : Wenn es ihm gelingt, dem jungen Mensch,das Titanische, was in mir
tobt,kongenial zu erfassen,dann -
FERDL : Dann,Herr Professor ?
SCHÖNBRG : Dann erhöh ich ihn.
FERDL : ( flüstert ) Was ich Ihnen versprochen hab,Schicklgruber ! Ihr Karrier steilt auf
ins Olympische.
SCHÖNBERG : Und stell das Bildnis hier mitten auf den Tisch.
FERDL : Sowas von Ehr,Schicklgruber.
SCHÖNBERG : Damit mir meine Jünger ihre Huldigung darbringen,auch wenn ich in
persona verhindert bin.Weil dort draußen die Welt nach mir ruft.
FERDL : ( flüstert ) Weil er wieder amal auf ara Dorfhochzeit s' Harmonium aufspieln
muss, damit endlich wieder a Geld reinkommt.
Schönberg : Und bei dieser Prozedur,Ferdl -
Ferdl : Der Herr Professor ?
SCHÖNBERG : Dass Sie da auch fein ein Aug drauf ham,dass die Bagasch das Knie
devotissime beugt.
FERDL: Versteht sich untertänigst,der Herr Professor.
SCHÖNBERG : Der Zemlinsky und der Webern und der Alban Berg und -
FERDL : Der junge Herr Eisler.
SCHÖNBERG : Naa,der Eisler net.Der hat sich unterstanden und schreibt mir in seine
Hymne zur Genesung von der letzten Influenza an Dominantseptimakkord
auf F nei -
FERDL : Is ja der Gipfel der Impertinenz,der Herr Professor.
SCHÖNBERG : Also,der setzt strafweis aus mitm Huldigen.Bis zum Hymnenabliefern
aus Anlass meiner auskurierten Zahnfistel. Pause. Mich wandelt eine
Genicksteife an.Hat er was,der junge Mensch,auf seim Blattl ?
FERDL : Halten zu Gnaden,Herr Professor. Sehr gelungen.
SSCHÖNBERG : ( Entsetzen ) Ferdl ! Ihr Mündel tut mir tiefsten Tort an.Meinen Hut !
FERDL : Vergebung,Herr Profess...
SCHÖNBERG : Der Falott zerrt mein Antlitz hinab in den Orkus des ordinär
Visagenhaften. In dieser Kaschemme bin ich das letzte Mal gesichtet
worden.
( Groß ab.)
FERDL : Herr Pro - ! Und de Rechnung scho wieder offen.Jedsmal a neue Motivation
für an großen Abgang,und jeds Mal Zechprellerei.Aber austrinkn tuat er aa,
jedsmal.KommenS,mir probierns am Mitteltisch.Da residiert a medizinische
Koryphäe.
( Schritte.)
Habe die Ehre, der Herr Professor Freud. Da wär der große Braune, den was
der Herr Professor bstellt ham.
FREUD : Ferdl !
FERDL : Belieben ?
FREUD: Was schleppt er da ein fremdes Element mit ein ! An Patient oder an
Attentäter ?
FERDL : A jungs Genie.
FREUD : So ? De Physiognomie lasst eher an Gefreiten erwarten.
FERDL : Küss die Hand,der Herr Professor - genau in derer Richtung rat ich ihm im-
mer,soll er an soliden Brot-Beruf ergreifen.
FREUD : Er soll sich aufs Wand-Sofa lagern.
FERDL : Aufs Sofa - ?
FREUD: Sunst fürcht i mi.
FERDL : ( flüstert ) TuanS eam den Gfallen, Schicklgruber, und lagernS Ihnen.
Bloß eam net contra sein,sonst fallt er glei in Ohnmacht.
FREUD: Wie lang hat der Mensch schon dieses Zittern in den Händen ?
FERDL : Seit grad erst.Des rührt her von seinem künstlerischen Ungestüm.
FREUD : Ungestüm ?! Ferdl,ich fürcht mich.
FERDL : Weil, des junge Genie verlangts brennend danach, daß er Herrn Professor
porträtiern darf.
FREUD : Mich porträ...
FERDL : Gegen a bescheidens Trinkgeld.
FREUD : Meine Züge will er sich...sich aneignen ?
FERDL : Mitm Bleistift.
FREUD : Das ist homoerotische Trieb-Sublimation.Ich fürcht mich.
FERDL : GewährenS ihm doch die Gunst einer Sitzung, Herr Professor. Aaner
mit so aaner exorbitanten Propheten-Erscheinung wie Sie !
FREUD : Ferdl ! ZeignS nicht mit dem...dem großen Finger auf mich.
FERDL : Aber...
FREUD : ( kreischt ) Das is ein homoerotisches Trieb-Derivat !
FERDL : Ssscht...insultierenS doch net de andern Gäst.
FREUD: Ich fürcht mich.
( Fällt in Ohnmacht )
FERDL : Und scho is er umgwaaht.I waor eam z' arg contra. (Seufzt.) Wann i bloß
an Therapeuten wüßt für den armen Professor Freud...aber kommenS,
Schicklgruber, ich introduzier Ihnen bei no aam möglicherweis Mäzenaten.
Schritte. HabedieEhre der Herr Professor Steiner.Der biologische Rettichsaft
wär da.
RUDOLF SEINER : ( von oben ) Und aa des Strohröhrl ?
FERDL : Zu dienen.I stecks Herrn Professor in de Goschn.
STEINER : ( saugt )
FERDL : ( flüstert ) Auf de Weis zuzzelt er sein Saft auffa,wiewohl er grad wieder amal
an Kopfstand macht.
STEINER : Also Ferdl ! Des is doch kein vulgärer Kopfstand ! Ich befinde mich vielmehr
in einer durchtönten Dialog-Position mit Buddha und zugleich Hildegard von
Bingen.
FERDL : Hier herunter auf Erden,Herr Professor,harrt Ihrer ein Verkannter.
STEINER : ( saugt )
FERDL : Der was soeben von de Herren Freud und Schönberg malhonett zruck-
gstessn wuarn is.
STEINER : ( hoffnungsvoll ) Und dies hat ihn zum Antisemit geschmiedet ! Ich gleite
hinab.
FERDL : Fortuna is dem Buam im Augenblick sakrisch abhold.
STEINER : Ferdl ! HelfenS mir aus mit ara Krone.
FERDL: Ganz wie befehln - eine Krone,der Herr Professor.
STEINER : Nimm dies,Geisteswanderer,als Wegzehrung.
FERDL: ( flüstert ) Was i sag ,Schicklgruber.Es laaft,pekuniär.
STEINER : Er ist ein Visionär,gell ?
FERDL : Grad is er no für an Gfreitn ghalten wurn.
STEINER : Ah,ein zum Kampfesringen Drängender ! Ferdl,no a Krone.
FERDL : No a Krone - der Herr Professor.
STEINER : Kampfesringen...Armee...Ludergeruch....
( schnauft tief )
FERDL : Wie meinen ?
STEINER : Ich schnaube mich ein in sein Mantra.
FERDL : Ah so.
STEINER : ( schnauft ) Stiefelfett...Gewehröl...Mannschaftslatrine...daraus erblüht
Düster-Brutales...
FERDL : ( flüstert ) Net davon rennen,Schicklgruber.Wann er halluziniert,wird er
no spendabler.
STEINER : Und sein Düster-Brutales astralisiert sich ...ah ! ....astralisiert sich hinan....
hinan ins magische Dreieck : Götterdämmerung - Sellerie-Samen - Michel-
angelo ! Ich habs,der Bursch will mich porträtieren.
FERDL : Alles was recht ist - Herr Professor,ich staune.
STEINER : Ich bestaun mich ja eh selber.Der Mensch ist Kunstmaler.Ferdl,stimmts ?
( Pause. Beleidigt : )
Ferdl,ich wart auf Bestätigung.
FERDL : Er is...er is allerdings auf der Kunstakademie net aufgnummen wuarn.
STEINER : Ah ! Ein von der matschigen Mittelzwergmasse Ausgespuckter - gleich mir.
Ferdl, no a Krone.
FERDL : Seitdem kämpft er einsam mit dem Pinsel seinen Weg frei.
STEINER : Soll er vorweisen.
FERDL: Her mit der Kunst,Schicklgruber ! Des is Ihr historischer Durchbruch.
STEINER : Ah ! Ich erkenne - jedermann erkennt hierin mühelos den hiesigen Stephans-
dom.
FERDL: ( hingerissen ) Und a jeds greans Plattl aufm Dach.
STEINER : In der Tat unzweideutig bis zum Äußersten.
FERDL : Gell ? Und des hier -
STEINER: - is Grinzing.Und der Himmel unzweideutig blau.
FERDL: Mei...und de Wolkn aso duftig echt wia in der echten Natur.
STEINER : Und des is -
FERDL: - des Münchner Hofbräuhaus.
STEINER : Soufflieren erübrigt sich,lieber Ferdl.Auch diese Darstellung strotzt vor
Eindeutigkeit.
FERDL : Gell ? Ma riacht gradraus de frischn Würscht.
STEINER : Und dieses hier - ein eindeutiges Geranienbeet.
FERDL: Des Grab von seinem verewigten Muatterl.
STEINER : Jeds Astloch is zum identifizieren,am Holzkreuzl.
FERDL : Jeds Risserl...
STEINER : Jeds Schieferl.
FERDL : Es is schon merveillös begabt,unser Bürscherl.
( Pause )
STEINER : Ferdl...
FERDL : Zu dienen ?
STEINER : Bin ich ein Risserl ? Bin ich ein Schieferl ?
FERDL : Aber ich bitt Sie,Herr Professor !
STEINER : ( donnert ) Ist Rudolf Steiner gar ein Astloch ? Seht es einem Rudolf Steiner
an,sich dergestalt abbilden lassen ? Riecht ein Rudolf Steiner etwa gar
nach frische Würscht ?
FERDL : Aber Herr Professor ! Das is wär Letzte,was man von Ihnen behaupten kann...
STEINER : Ich begebe mich aufs neue in den durchtönten Dialog.
FERDL: Zu Gnaden...
( Rudolf Steiner begibt sich wiederum in den Kopfstand. )
STEINER : Her mit meine drei Kronen ! Und Abgang.Buddha hat mit mir zu reden.
FERDL : Küss die Hand. ( Flüstert ) KommenS. ( Schritte.) Jetz sehnS'as,Schicklgruber -
ich hab mich verschlissen geradezu für Ihnen als Person.Aber mit Ihnen
Ihrer Kunst,da is's halt erweislicherweis net so arg weit her.
SCHICKLGRUBER : Ha !
FERDL : Ich beschwör Ihnen,zu Ihrem Wohl und Heil : werdenS doch Gefreiter.
SCHICKLGRUBER : Ich werde der größte Künstler aller Zeiten !
FERDL: No , aber unter dem Namen : Adolf Schicklgruber.
SCHICKLGRUBER : Adolf,das bedeutet : aus edlem Geschlecht ein Wolf.Und dann
tüftle ich mir einen neuen Familiennamen mit einer aggressiven Vorsilbe aus
wie „Ha !“ oder „Hi !“ Und so gerüstet,erschaffe ich ein gigantisches Kunstwerk
vom Nordpol bis zum Südpol und bis nach Floridsdorf,vor dem die Menschheit
erschaudern wird.
FERDL: No servus.
SCHICKLGRUBER : Und diesen Steiner und diesen Freud und diesen Schönberg,die...
die lasse ich...
FERDL: Net z'gaach sein mit meine Gäst !
SCHICKLGRUBER : Die lass ich auf Staatskosten -
FERDL: No was denn ?
SCHICKLGRUBER : Porträtmäßig erfassen lass ich die.
FERDL: De Herrschaften werden des Privileg dankbarst ästimiern.
SCHICKLGRUBER : Nichts da ästimieren - ich spreche von Fahndungsfotos.
FERDL: Öha...
SCHICKLGRUBER : Auf dass sie überall aushängen,ihre Ponim,auf dass ich sie ergreife
und -
FERDL: Und - ?
SCHICKLGRUBER : Zerschmettere !

( Zerschmeißt Ferdls Geschirr.)

FERDL : Schicklgruber ! Des teure Gschirr...
SCHICKLGRUBER : Vernichte ! Austilge ! Ausrotte ! Ausbrenne ...aus...aus...

( LES PRELUDES von Liszt brechen herein.)

SCHICKLGRUBER : Ich gehe hin und vollende es.
FERDL: ( klaubt die Scherben zusammen ) Jetzt hamma de Bescherung. Und ois
bloß, weil eam kaana was hat abkaufn wolln...

Zuerst veröffentlicht in der österreichischen Zeitschrift für Dialektforschung 1991


"Schön."
"Überirdisch schön."
"Zum Heulen schön."
"Göttlich. Und Ihr Rubato ..."

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STREICHQUARTETT WEIT HINTEN IM OSTEN

1944. In einer Baracke verklingt soeben der letzte Ton eines Streichersatzes .Die beiden, die ihn haben erklingen lassen, lassen nun beseligt die Bogen sinken und lauschen dem Verklungenen nach.

ERSTER : Schön.
ZWEITER : Überirdisch schön.
ERSTER : Zum Heulen schön.
ZWEITER : Göttlich. Und Ihr Rubato, ich habs von Jascha Heifetz nicht rauschhafter gehört.
ERSTER : Aber mein Rubato ist nichts gegen das von...wie heißt er gleich, unsere zweite Violine ?
ZWEITER : Der Moische Czymarowsky.
ERSTER : Dieser Moische, ein Zaubergeiger ! Was der so aus den Saiten heraus schmeichelt - wieso hat er eigentlich gefehlt heute ?
ZWEITER : Der Moische ? Aber Sie wissen doch ...
ERSTER : Auch den zweiten, den Adagio-Satz, den hab ich noch von keinem so beglückend gehört wie von unserm Cello...
ZWEITER : Dem Herschel Rosenzweig.
ERSTER : Der auch gefehlt hat heute. Hat der sich entschuldigt ?
ZWEITER : Aber Sie wissen doch, der Herschel kann sich nicht mehr entschuldigen, der ist gestern -
ERSTER : Der hat einen Schmelz vorgelegt. Eine Beseeltheit....eine Intensität...dem sein Rubato...ich könnt schon wieder heulen...
ZWEITER : Ich darf gehorsamst dran erinnern...
ERSTER : Dass wir morgen Mendelssohn spielen wollen, f-moll, Opus 80.
ZWEITER : Ich darf dran erinnern, dass ich Order hab, Ihnen jetzt die Stiefel anziehen zu dürfen, gehorsamst. Ich hab sie frisch gewichst.
ERSTER : Aber doch nicht so brutal raus aus der Kunst in den Dienst ! Wo du mich dermaßen beschenkt hast, beglückt, emporgehoben - ich könnt schon wieder heulen vor Dankbarkeit - veredelt durch unser gemeinsames Musizieren.
ZWEITER : Aber aber - ich, als schlichte zweite Geige.
ERSTER : Mach deine Verdienste nicht geringer, als sie sind ! Durch dich und deine Kunst hab ich das Menschsein erst so wesenhaft begriffen. Durch dich hat mich der Arm Mendelssohns erst so recht umfangen gleichsam.
ZWEITER : Sie sollen nicht reden derart, dass Sie mich machen verlegen, sondern anziehn Ihre frisch gewichsten Stiefel.
ERSTER : Du hast das Tiefste, das kostbarste Menschentum in mir zum Erblühen gebracht.
ZWEITER : Die Stiefel ! Ich hab doch Order...
ERSTER : Ich bin ja ohnehin zu weich für den Platz, auf den ich gestellt bin.
ZWEITER : Die Stiefel...
ERSTER : Schon mein Vater wollte immer Bratschist werden...ich hab mich ja nur deswegen zu der Spezialtruppe hier gemeldet, weil ich keine Stelle gefunden habe als Streicher.
ZWEITER : Ich will nicht vorlaut sein, aber Ihre Stiefel...
ERSTER : 57mal hab ich vorgespielt und immer vergeigt...
ZWEITER : Rein in den rechten Stiefel !
ERSTER : Dabei wars doch mein Traum immer gewesen, dass ich eines Tages in Bayreuth sitzen darf im Orchestergraben...leger, entspannt, auch noch bei 30 Grad in der Sommerhitze, im Unterhemd, aber dafür unter der Stabführung von Bruno Walter....Otto Klemperer... Erich Kleiber...
aber immer und immer wieder haben sie mir Juden vorgezogen – nimms um Gottes willen nicht persönlich.
ZWEITER : Wie sollt ich mir erlauben. Und jetzt rein bitte schlüpfen auch noch in den linken Stiefel. So. Sie sehen , wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, geradezu klassisch aus in den Stiefeln.
ERSTER : Freut mich grade von dir, das Kompliment - mit deinem Rubato. Dann bis
morgen , da gehen wir den Mittelsatz an.
ZWEITER : Den Mittelsatz…

Die zweite Geige ab. Herein eine ORDONNANZ. Knallt die Hacken zusammen.

ORDONNANZ : Bitte Meldung machen zu dürfen, Standartenführer.
ERSTER : Ich höre.
ORDONNANZ : Alles klar zur Aktion, Standartenführer.
ERSTER : Klar zur Aktion.
ORDONNANZ : Es ist frisches Zyklon B eingetroffen.
ERSTER : Dass man so roh rauskommandiert wird aus der Tonkunst, das hat schon was eisig Bitteres. Aber ich werde das eben verklungene Adagio mit meinem inneren Ohr hören beim Dienst. Und morgen feilen wirs aus...
ORDONNANZ : Aber morgen ist der Häftling 17823 doch gar nicht mehr verwendungsfähig, er steht auf der Liste für die heutige Aktion.
ERSTER : So kommt mir nun schon das dritte Streichquartett abhanden, das ich hier mühselig aufgebaut habe ! In solchen Momenten gerät mein Glaube an unseren Reichsführer Heinrich Himmler schon erheblich in Schieflage. Man erzählt sich ja sogar, der Mann soll total unmusikalisch sein.
ORDONANNZ : Nicht die Flinte ins Korn, Standartenführer. Sie haben hier im Lager noch mindestens 456 erstklassige Geiger zur Auswahl. Aus renommiertesten Klangkörpern: Wiener Philharmoniker, Warschauer Symphoniker. Wilnaer Kammerorchester. Nicht zu reden von den Cellisten. Den Bratschisten. Aus Tarnopol. Lemberg, Minsk...Sie brauchen sich nur zu bedienen.
ERSTER : Tatsache ? Dann ohne Tritt marsch !
ORDONNANZ : Ohne Tritt marsch, Standartenführer !
ERSTER : Hören Sie, wie meine Stiefel quietschen ?
ORDONNANZ : Ich höre, Standartenführer.
ERSTER : Gewichst von einem Geiger von ERSTER Weltklasse. Hören Sie auch die Tonart raus, Mann ?
ORDONNANZ : Ich bin, ich muss gestehen, total unmusikalisch.
ERSTER : Wie unser Reichsführer SS.
ORDONNANZ : Zu Befehl, Standartenführer.
ERSTER : Das ist Kammerton B, Mann.
ORDONNANZ : Zu Befehl, Standartenführer.
ERSTER : Das ist das reine federnde Adagio...das ist das reine Glück...das schlechthin Überirdische…
ORDONNANZ : Bewundere Ihre Feinsinnigkeit, Standartenführer.
ERSTER : Aber wenn du’s dann heraus schmeicheln willst mit dem Bogen aus den Saiten, dieses reine federnde Adagio-Glück, herauslocken mit den andern in der innigen Einheit, Vertrautheit, der unnennbar zarten Wärme des Streichquartetts ..dann hat die erste Judenvioline und die zweite Judenvioline und das verdammte knoblauchstinkende Cello sich immer schon wieder verdünnisiert. Und du sitzt allein da. Einsam, mit deinen vier Saiten. Verdammt einsam, Mann, das kann ich Ihnen flüstern.
ORDONNANZ : Versichere Sie voll meiner Teilnahme, Standartenführer.
ERSTER : Danke. Danke. Das macht mir den Verlust leichter, dass ich heute Abend wieder mal allein vorm Notenständer hocken werde.

Und er geht ab zum Dienst, vor sich hinsummend das Thema aus Mendelssohns op.80 in f moll , dritter Satz, Adagio.


DIE HIERARCHIE DER LÜSTE Eine Sterbehauskomödie
Jüngster theatralischer Streich :
die szenische Lesung meiner neuen Komödie
DIE HIERARCHIE DER LÜSTE :
der größte deutsche Dichter wird vom Schlag getroffen, als er
im Radio hört, dass er den Nobelpreis bekommen hat. Dabei ist
kein einziges Buch von ihm auf dem Markt,
weil seine Lebensgefährtinnen, innigst verfeindet, die Rechte
nicht rausrücken.
Der Verleger bestellt sie zu einer streng geheimen
Krisenkonferenz ins Sterbehaus
in der hintersten Uckermark.
Es quellen allerdings weit mehr Witwen herein, als
der Arme verkraftet, er wird selber
Objekt des Leichenbestatters Justus, der merkwürdigerweise
bereits vor allen anderen zur Stelle war, als sei er ein Teil des
uralten ( Pfarr-) Hauses. Aber wo ist bloß der
Leichnam des Nobelpreisträgers ? Trotz aller Geheimhaltung
taucht urplötzlich auch noch der gefürchtete Großkritiker auf,
und sogar der Bundespräsident wird
mit dem Hubschrauber eingeflogen,dessen Flügel
dem Sterbehaus das Reetdach abdecken.
Textprobe 1.Akt > links unten.
>>>
JUSTUS : Exitus eines Nobelpreisträgers für Literatur auf Dielenbrettern, die im 16. Jahr-hundert behobelt worden sind. Was das für einen Eindruck machen wird auf die Weltöffentlichkeit.
VERLEGER : Aber wo bitte -
JUSTUS : Dagegen der Exitus von Gerhart Hauptmann - Sie erinnern sich : Nobelpreis 1912 - Gerhart Hauptmann wurde seinen sämtlichen Bühnenwerken gerecht, als er im Himmelbett verblich. Stilvoll unter geblümtem Plümeau, wie es die Gemeinde schon zu Lebzeiten erwarten durfte. Stilvoll eingerahmt von Enkeln und Urenkeln. Stilvoll in Doppelreihe knieend hinter den geblümten Bettvorhängen. Von ganz anderem Design Nobelpreis 1972. Sie erinnern sich : Heinrich Böll. Aufs herbste einsiedlerisch, im Möbelwagen : Exitus beim Zigarettendrehn, einen Ellbogen auf das Küchenbüfett gestützt - Küchenbüfetts haben ihm ja thematisch immer am nächsten gestanden in seiner Dichter-Existenz. Und die berühmte Baskenmütze ? Über den Stiel einer Bratpfanne gehängt. Just in der Linkskurve vor dem Kölner Dom - wo denn um Himmelswillen auch sonst ! Pause So sterben Nobelpreis-träger! Hut ab vor derlei Inszenierungen ! Stimmig bis in die letzte Nuance hinein.
VERLEGER : Aber wo also denn nun endlich -
JUSTUS : Wo Thomas Mann, wollen Sie wissen, Nobelpreis 1929 - alle wollen das wissen. Nicht jedenfalls, als seine Gattin ihn grade atzte mit Haferschleim, in das sie ver- sehentlich das falsche Magenmittel reingekippt hatte, überdosiert. Nur damit Alois, der blonde Zimmerkellner, ihr nicht zuvor kommt mit seinen Weißwürsten . Das war - aber das überrascht nur den Unkundigen, das war - Hermann Hesse.
VERLEGER : Wo -
JUSTUS : Nobelpreis 1946, Sie erinnern sich.
VERLEGER : Woher Sie das bloß alles wissen wollen.
JUSTUS : Oh, wir sammeln solche Fallstudien mit analytischer Sorgfalt. So gebietet es die exorbitante Wesensart unseres Instituts.
VERLEGER : Sie sind doch nicht etwa -
JUSTUS : Nennen Sie mich schlicht und diskret Justus.
VERLEGER : Ich kann mich nicht drauf besinnen, diskreter Justus, dass ich bereits ein Beerdigungs-Institut beauftragt hätte.
JUSTUS : Nicht einen so brutalen Terminus hier einbringen, bitte ! Diskret, war eben die Vereinbarung. Unser Institut wartet nun einmal nicht zu, bis das Leichengift...Sie verstehen.
VERLEGER :Leichengift - ?! Wo ist der Nobelpreisträger !!!!!

Marina Dietz die Regisseurin der HIERARCHIE
nimmt hinter dem Kleindarsteller M. ( Pfarrhausgespenst )
den Schluss-Applaus entgegen.
Sie erklärt ihn zu einem histrionischen Menschen
( von lat. histrio=Schauspieler ) also einen Unterhaltsamen,
einen Treibauf und Wirbler : "Ich sehe dich gerne lachen.
Da erscheint der Junge, der mich
wiederum ins Jungsein mitziehen kann."