MELCHIORs Hörtheater
Und da entflohen wir also eines Sonntags,
der sonnig war, obwohl er
über dem miesepetrigen Frankfurt hing, wo mein Theater,
das am Turm / TAT ( ich war da verstörter Dramaturg )
vor lauter Selbst-Zerfleischungsdebatten
kaum noch den Vorhang auf kriegte.

Die KPD/ML im Ensemble stimmte dieses nieder,
der Kommunistische Bund Westdeutschlands jenes,
die Sozialistische Alternative beides, und ich durfte
keinen Satz zu Papier bringen, den die Mehrheit des Ensembles
nicht billigte. Am besten überhaupt kein Satz mehr !

Aber diese Mehrheit kam eh niemals zustande,
weil der A den B niederschrie
und alle zusammen den Intendanten.

Und vor der Vorstellung
besetzte ohnehin mal wieder eine militante
Frauengruppe die Bühne um irgendeinen Kampf-Aufruf
zu verkünden und weigerte sich
diese weder frei zu geben, damit die Schauspieler ihr Handwerk
ausüben konnten.
Aus diesem Frankfurt also
entflohen meine Freundin Heike und ich eines Sonnensonntags
ins Mainfränkische.
In Würzburg geriet uns ein Faltblatt des Verkehrsvereins
in die Finger : drei irische Mönche seien hier im Jahr 695
erschlagen und heiligmäßig im Dom beigesetzt worden.
Aber halt : erschlagen, im siebten Jahrhundert ?
Als es doch gar keine totschlägerischen Heiden mehr gab,
weil die Gegend längst christlich missioniert war ?

Umschlungen saßen wir im Gras des Marienberges
( unter uns die verschüttete Höhle der Räuberbande des
Leonhard Frank, die man niemals wiederfinden wird,
aber nun war sie auf einmal irgendwie gegenwärtig )
und ich fabulierte schmusend aus, warum die drei Iren seinerzeit…

Schreibs auf für mich, bat Heike. Aber wie ? Vom Theater hatte ich
für die nächsten drei Ewigkeiten genug. Auch hätte mir
der Kommunistische Bund Westdeutschlands, von den Frauengruppen
ganz zu schweigen, meine noch gar nicht entstandene Geschichte
niemals durchgehen lassen.

Sie also für Heike als Novelle zu Papier bringen ?
Als Fernsehspiel ? Als was nur ?
Aber gabs da nicht noch ein Genre ?


Eigentlich gabs das damals schon nicht mehr.
Das Hörpiel.
Es war, als vom Feuilleton wahrgenommene Kunstform,
bereits kurz nach 1960 verblichen.
Aber das wusste ich damals noch nicht, auf dem Marienberg,
Über der Höhle der Räuberbande. In Heikes Armen.



Und so wurde mein Hörspiel-Erstling
BRENNENDES WASSER aus dem Stand ein Erfolg
und aus mir, dem Neuling "eines der originellsten Talente
der aktuellen deutschen Radio-Szene"
( Stuttgarter Zeitung ).

Bei der Niederschrift bereits überfuhrs mich,
Zeile um Zeile die ich niederschrieb :
sieh mal an, das bist also DU !
Überraschend, ja aufregend,
dich kennen zu lernen in deinen Fantasien,
die du vor dir selbst verborgen hast.
Und vor den militanten Frauengruppen und dem KPD/ML sowieso.

Hier ist es zum Anhören und Runterladen -
Der Flügelradler signalisiert :
HIER GIBTS WAS ZU ZAPFEN >>>
April 1980.
Einen Tag vor meinem Geburtstag.
Andalusischer Frühling.
Im Hof der Mezquita zu Cordoba blühte
ein Limonenbaum.

Und weder drängelte sich der Anfang
einer Erzählung in mein Gehirn - von zwei, nein :
drei Kerlen aus der Mezquita-Zeit,
die hier unter diesem Limonenbaum gesessen
haben, und die...

Schreibs auf für mich,
bat Heike schon wieder.

Schließlich setzte ich,nachdem wir ein
maurisches Bad besichtigt hatten, meine
soeben erfundenen Drei nicht unter einen Limonenbaum
sondern in eine Badewanne :
Grillen zirpen,
Wasser plätschert leise, Violinen halten
einen hohen Ton. "Was spürst du, Jehuda?"
"Die Mittagshitze auf meinem Gesicht."
Jehuda ist in das Bad gekommen, um seinen Freund Yussuf
zu massieren mit den teuersten Essenzen aus Ägypten.
Aber da Yussuf auf sich warten lässt, verlockt ihn Esteban,
der Bäderbauer, sein neuestes Meisterwerk auszuprobieren.
Nackt sitzen beide einträchtig und friedvoll auf den
warmen Platten aus der Berberei, vom Wasser umspielt.
"Und jetzt, Jehuda, juckel auf und nieder, als würdest du
auf einem Esel reiten."
Eine unterirdische Fontäne beginnt zu sprudeln und den
beiden Männern ein gar
unfrommes Vergnügen zu bereiten...

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Grillen zirpen, Wasser plätschert leise, Violinen halten einen hohen Ton. "Was spürst du, Jehuda?" "Die Mittagshitze auf meinem Gesicht." Jehuda ist in das Bad gekommen, um seinen Freund Yussuf zu massieren mit den teuersten Essenzen aus Ägypten. Aber da Yussuf auf sich warten lässt, verlockt ihn Esteban, der Bäderbauer, sein neuestes Meisterwerk auszuprobieren. Nackt sitzen beide einträchtig und friedvoll auf den warmen Platten aus der Berberei, vom Wasser umspielt. "Und jetzt, Jehuda, juckel auf und nieder, als würdest du auf einem Esel reiten." Wasser und Violinen schwellen zu einem Rauschen an, eine unterirdische Fontäne beginnt zu sprudeln und den beiden Männern ein gar unfrommes Vergnügen zu bereiten, dem sie sich trotz religiöser Bedenken bald hingebungsvoll widmen, spontan rhythmische Lobgedichte dazu erfindend, friedlich die Ornamente der Kacheln meditierend.
Mit dieser lustvollen Szenen beginnt das Hörspiel Cordoba oder die Kunst des Badens von Melchior Schedler, produziert 1983 und einziger Gewinner der Auszeichnung "Hörspiel des Jahrzehnts". Die vertraute Freundschaft zwischen dem jüdischen Bademeister, dem christlichen Bäderbauer und dem Imam der Moschee ist ebenso wie deren fein gebildeter Kunstgenuss Sinnbild einer Epoche im Zenit, des westlichen Teils der arabischen Welt im europäischen Mittelalter. Cordoba, wie es im Hörspiel beschrieben wird, war damals ein geistiges und kulturelles Zentrum des Islams, "Mekka des Westens" und eine der reichsten Städte des mittelalterlichen Europas. 1236, exakt in diesem Jahr sitzen unsere Männer im Bad, wurde diese Epoche beendet. Die christlichen Heere aus dem Norden Spaniens erobern in der "Reconquista" die maurisch besetzte Halbinsel zurück.
(…)
Auch die Geschichte im Hörspiel Cordoba oder die Kunst des Badens verläuft grausam. Cordoba wird besiegt, die Badenden von den christlichen Heeresführern gefangen genommen und in den kalten Norden verschleppt. Doch obwohl sie wie die Tiere im Stall hausen müssen, ihre gelehrten, gedichtartigen Gebete auf Unverständnis stoßen und selbst Esteban, der christliche Ordensmann, nicht verschont wird, verlässt sie die Lust am Bade nicht. Als sie die alte, verknöcherte und völlig verkrampfte Monarchin wässern sollen, gelingt es ihnen, die 82-Jährige zum Genuss zu verführen. Gerade als diese sich von der improvisierten Fontäne der Bademeister verwöhnen lässt und zum ersten Mal in ihrem Leben Wärme und Lust zulässt, endet ihr Leben. Was das für das Schicksal der Gefangenen bedeutet, ist klar. Dennoch - das Aufleben der Fontäne, gleichbedeutend mit der Entspannung zwischen feindlichen Fronten, stimmt zuversichtlich.

Sabine Wollowski im FREITAG 8.10.2004

"Wohl das meistdiskutierte Hörspiel der 80er Jahre.
Sein Autor Melchior Schedler erhielt mehrere Auszeichnungen,
da es ihm gelang von den fundamentalsten Glaubensfragen unserer Zeit zu erzählen". Phonostar
HÖRSPIEL DES JAHRZEHNTS
der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste.
Ein bedeutenderer Hörspielpreis ist nie vergeben worden -
nie davor und nie mehr danach.

Der alteingeführte Kriegsblindenpreis bezieht sich bekanntlich
ja nur auf das Beste aus der Hörspielszene eines
Jahres. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste lässt
seit 1976 ein Hörspiel des Monats nominieren.

Und aus diesen Monats-Besten wiederum
die Hörspiele des Jahres auswählen.
Diese Jahresbesten trafen 1987 bei der Hörspiel-Olympiade Lauschangriffe aufeinander : Werke von
John Cage, Heinz von Cramer, Maurizio Kagel, Heiner Müller, George Tabori und anderen. Es obsiegte
CORDOBA ODER DIE KUNST DES BADENS. Denn hier wird - so die Jury - "originell in poetisch dichter
und zugleich unverblümter Sprache, mit einem wechselvollen, spannenden Handlungsverlauf" eine Geschichte
erzählt, "deren plastische, spielerische, verführerische Realisierung komisch und beklemmend, aufklärend und
unterhaltsam ist".
"Meine Aufnahme ist mir im
Lauf dieser mehr als
30 Jahre verloren gegangen"
schreibt mir 2017 W.L.aus Bamberg,
"die begeisterte Erinnerung an Ihr
Werk niemals."

Die vielen vielen vielen , die mich
durch die Jahrzehnte
gelöchert haben,
wo es CORDOBA denn zu kaufen gebe, können es
nun endlich hier herunterladen.


Mit Birigitte Horney, Peter Fitz,
Martin Benrath, Thomas Holtzmann,
Wolfgang Reichmann,
Rainer Basedow, Thilo Prückner.
Regie Otto Düben, Musik Peter Zwetkoff
Produktion SDR Stuttgart 1983
Und nun danach den eigenen Emotionen
und Empfindungen Raum geben...
Viel Raum.

Eine verschworene Gemeinde von CORDOBA-Hörern ,
liebt es sogar,
mein Stück in der Nacht anzuhören :
in Freibädern oder in Planetarien.